Schäferhund-Gate

Vor ein paar Tagen trat eine Gruppe namens "Christiane Schulte und Freund_innen" mit einem "Plädoyer gegen den akademischen Konformismus"  an die Öffentlichkeit und entlarvte einen Vortrag und einen Aufsatz über den "Deutschen Schäferhund im Zeitalter der Extreme" in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" als satirische Intervention. Die Zeitschrift wird vom Hannah-Arendt-Institut herausgegeben und erscheint bei Vandenhoeck & Ruprecht. Die Gruppe wollte damit nach eigenem Bekunden den Jargon "der 'Human Animal Studies' (HAS)" als "das Vokabular der neuesten akademischen Mode [...] und gleichzeitig [die] altbekannte Rhetorik zum 'DDR-Unrechtsstaat'" kritisieren.

 

Inzwischen haben sich einige Autorinnen und Autoren im Netz geäußert. 

 

Ich hatte bereits im vergangenen Jahr nach der Lektüre des Tagungsberichtes bei H-Soz-Kult gewisse Zweifel an den steilen Thesen von "Christiane Schulte". Sie hatte ihren Vortrag vollständig bei Youtube hochgeladen. Leider ist der Link inzwischen tot und ich habe das Video (nur Tonspur) nicht gesichert. Ich suchte den Kontakt, was sich als ziemlich mühsam herausstellte. Diese "Christiane Schulte" war an keiner Uni bekannt. Keine Website präsentierte ihr Dissertationsprojekt. Es gab eine Facebook-Seite. Schließlich bekam ich von den Tagungsveranstaltern eine WEB.DE-E-Mail-Adresse. Dorthin schrieb ich am 20. Mai 2015:

 

"in Ihrem Vortrag „Der deutsch-deutsche Schäferhund“, den Sie dankenswerterweise bei Youtube zugänglich gemacht haben, reden Sie unter anderem auch darüber, dass Sie Belege für Kontinuitäten bei der Nutzung des "lebenden Inventars" (sprich von Wachhunden) des KZ Sachsenhausen im sowjetischen Speziallager ebendort gefunden hätten. Haben Sie diese Erkenntnisse bereits veröffentlicht? Wo kann man dazu genauere Informationen erhalten?"

 

Als Antwort erhielt ich am 22. Mai 2015:

 

"Lieber Herr Heitzer,

 

vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich freue mich über Ihr Intersse an meinem Vortrag. Gerade überarbeite ich ihn für die Publikation. Er soll in der zweiten Jahreshälfte in der Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" erscheinen, aber ich muss noch einige Änderungen vornehmen, weshalb ich den Text noch nicht herausgeben möchte. Gern kann ich Sie aber informieren, sobald der Text erschienen ist.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Christiane Schulte"

 

Nachdem ich Ende November 2015 noch einmal nachgefragt hatte, erhielt ich am 16. Dezember die Mail. dass der Text endlich erschienen sei. Ein paar Stunden später hatte unsere Bibliothek eine Kopie besorgt. 

 

Ich hatte u.a. folgendes geschrieben:

"soeben ist das neue Heft von „Totalitarismus und Demokratie“ erschienen. Darin findet sich ein Aufsatz, der u.a. belegen will, dass vor und nach 1945 dieselben Hunde im Lager Sachsenhausen genutzt worden sein sollen. Mir gegenüber wollte die Autorin die Quelle für diese Aussage bei einem Vortrag in Berlin vor ein paar Monaten nicht offenlegen. Sie verwies darauf, dass sie bald einen Aufsatz veröffentliche. Bis ich diesen gelesen und die Aussagekraft der Quellen nicht selbst geprüft habe, halte die o.g. Behauptung für Quatsch, weil allein die Logik zumindest große Zweifel evoziert, etwa davon auszugehen, dass die Hunde im halben Jahr zwischen den Todesmärschen und der Befreiung des Konzentrations- und der Einrichtung des Speziallagers einfach brav (ohne Futter?) in ihren Zwingern geblieben sein sollen.

 


Am 18. Dezember schickte ich an eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen folgende Mail, die zeigt, dass ich zwar auch schon einen Persiflageverdacht hatte. Die Umstände der Publikation ließen mich aber letztlich nicht daran zweifeln, es mit einer ernstgemeinten wissenschaftlichen Publikation zu tun zu haben.

 

Betreff: Humoristisches zum Jahresausklang: Der deutsch-deutsche Schäferhund - Ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme

 

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

das Jahr endet. Ich möchte mich mit einem humoristischen Highlight in den Urlaub verabschieden, das diese Woche neu erschienen ist. Anbei schicke ich den Artikel der Nachwuchshistorikerin Christiane Schulte „Der deutsch-deutsche Schäferhund - ein Beitrag zur Gewaltgeschichte des Jahrhunderts der Extreme“. Er basiert auf dem Vortrag, den Schulte auf der Tagung „Tiere unserer Heimat“: Auswirkungen der SED-Ideologie auf gesellschaftliche Mensch-Tier-Verhältnisse in der DDR gehalten hat, deren Besprechung bei HSozKult ebenfalls humoristisch hochwertige Passagen zu bieten hat.

 

Erschienen ist der Text in der Zeitschrift „Totalitarismus und Demokratie“, die das HAIT in Dresden herausgibt. Ich muss gestehen, dass ich mich beim ersten Lesen an einigen besonders absurden Stellen vor Lachen gebogen habe. Der Text liest sich in einigen Teilen eher wie die Persiflage auf einen geschichtswissenschaftlichen Aufsatz.

 

Schaut man sich dann aber mit einem zweiten Blick die zentralen Passagen genauer an, kommt man schnell dahinter, dass die Autorin letztlich ziemlich unredlich agiert, um ihre zentrale These zu untermauern, dass sie mit der Schäferhundnutzung eine bisher unerforschte „Kontinuität“ in der „Gewaltgeschichte des ‚Jahrhunderts der Extreme‘“ zwischen dem Totalitarismus des „Dritten Reiches“, der sowjetischen Besatzungszeit und der DDR aufgedeckt habe.

 

Sieht man sich nämlich die empirische Grundlage genauer an - und was sie daraus macht, kann man nur staunen. Zunächst einmal behauptet sie, „dass die Einrichtungen zweier NS-Konzentrationslager in der SBZ von 1945 bis 1950 als ‚sowjetische Speziallager‘ umgewidmet und zur Inhaftierung von Regimegegnern benutzt“ worden seien. Mit Entnazifizierung, Sicherung von Besatzungsherrschaft etc. haben diese Lager demnach nichts zu tun, weiß Schulte. Weiter ist zu lesen: „Völlig unbekannt war jedoch bisher, dass sich die Weiternutzung von Lager zu Lager nicht nur auf das tote Inventar wie Grundstücke und Zaunanlagen, sondern auch auf das ‚lebende‘ bezog.“

 

Ich verstehe diese Passage so, dass die roten Konzentrationslagerweiternutzer auf die braunen KZ-Wachhunde zurückgegriffen hätten, die sie vorfanden. Als Belege für die Weiternutzung des „lebenden Inventars“ präsentiert sie zwei private Züchter, die sowohl mit den NS-Lagerverwaltungen als auch mit der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) Geschäfte machten. Hier findet sich schon die erste Irritation, weil ein angeblicher Kauf von Hunden beim selben Züchter schon etwas anderes ist als die zunächst behauptete „Weiternutzung“ von KZ-Wachhunden im Speziallager. Zudem finde ich nicht, dass allein die Geschäftsbeziehung eines Züchters zur SMAD eindeutig belegen würde, dass der verkaufte Hund auch in einem Speziallager landete. Die SMAD verwaltete Betriebe, hatte Lebensmittellager, Kasernen, Waffendepots und vielerlei andere Dinge, wo man sich einen Wachhund davor vorstellen kann. Dann kann sie wohl lt. Fußnote genau einen konkreten Fall belegen, wo ein Enkel eines 1940 geborenen KZ-Wachhundrüden aus Buchenwald 1946/47 im Speziallager eingesetzt worden sei. Aus diesem einen Fall werden bei ihr im Haupttext auf wundersame Weise „direkte Nachfahren von KZ-Wachhunden“, die im Plural „eingesetzt wurden“. Aus diesem Fall zieht Schulte dann auch gleich im nächsten Satz weitreichende Schlüsse: "Beide totalitären Diktaturen des 20 Jahrhundert verband also eine Gewalttradition; in einem fast schon dynastischen Verhältnis wurden mehrere Generationen von Schäferhunden als Instrumente totalitären Terrors eingesetzt“. Die "Implikationen dieser bisher unerforschten Kontinuität für eine Gewaltgeschichte des ‚Jahrhunderts der Extreme‘“ seien immens (S. 324).

 

Sie geht sogar noch weiter. Völlig unbeeindruckt von bisherigen Untersuchungen spekuliert sie faktenfrei über eine „Kontinuität zwischen dem Hundeeinsatz in den sowjetischen Speziallagern und der späteren NVA“ (S. 326). In sowjetischen Speziallagern bestand das Personal ausschließlich aus sowjetischen NKVD-Leuten. In der NVA hingegen taten DDR-Bürger Dienst. Zu unterstellen, dieselben Leute hätten als Hundeführer mal hier und mal dort gearbeitet, deutet darauf hin, dass die Lust an der plumpen Analogie, die u.a. in der identifizierenden Totalitarismustheorie ihren formvollendeten Ausdruck gefunden hat, bei Leuten, die dieser Denkweise zuneigen, auch an anderen Stellen zu Kurz- und Zirkelschlüssen führen kann.

 

Ich wünsche Euch/Ihnen allen eine besinnliche Vorweihnachtszeit, ein frohes Fest sowie natürlich auch einen guten Rutsch.

 

 

Enrico Heitzer

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Kommentare: 2
  • #1

    Huxi (Freitag, 26 Februar 2016 22:59)

    Das ist wirklich eine urkomische Geschichte. Das HAIT ist blamiert, die Human-Animal-Leute auch, vor allem seitdem sich ein zweiter Beitrag auf der denkwürdigen Tagung, die schon "Christiane Schulte" sah, als Satire erwiesen hat...

    http://www.zeitgeschichte-online.de/kommentar/von-totalitaeren-schaeferhunden-und-libertaeren-mauerkaninchen

  • #2

    Heiner Stahl (Mittwoch, 09 März 2016 22:52)

    Das kommt im SoSe zu den Seminartexten, versprochen. LGHeiner