Historia est enim proxima poetis et quodam modo carmen solutum est.

 

Quantilianus, Instilianus oratoria 10.1,31

Reaktionen auf "Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit 1948-1959: Widerstand und Spionage im kalten krieg"

Klappentext

 

Die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU) galt in Ost und West lange Zeit als Inkarnation des Antikommunismus und der Feindschaft gegen die DDR. 1948 als Reaktion auf die Entlassungswelle aus den sowjetischen Speziallagern gegründet und 1959 während der zweiten Berlin-Krise aufgelöst, entfaltete die KgU nicht nur humanitäre Aktivitäten, verbreitete Flugblätter oder war nachrichtendienstlich tätig, sondern beförderte – und praktizierte zeitweise auch – Gewalt als Widerstandsmittel gegen die Staatsführung. Enrico Heitzer untersucht die Entstehung, den organisatorischen Aufbau, und die Handlungsfelder dieser privat geführten, aber politisch höchst wirkungsvollen Organisation.

 

»Das Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit, eine Analyse, sachlich und ohne emotionale Ausbrüche, ethische Wertungen. Gerade das macht sie so wertvoll; denn die Lektüre ist aufregend wie ein Krimi.« (Egon Bahr)


Enrico Heitzer: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948—1959 (Zeithistorische Studien, herausgegeben vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Band 53). Köln, Weimar, Wien (Böhlau-Verlag) 2015, 552 Seiten, 34 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 64.90 Euro.

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Auf den Schäferhund gekommen?

EIN WORKSHOP ZUM „SCHÄFERHUND-HOAX“, KRITISCHER GESCHICHTSWISSENSCHAFT UND AKADEMISCHEM TRENDSURFING

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Schäferhund-Gate

Vor ein paar Tagen trat eine Gruppe namens "Christiane Schulte und Freund_innen" mit einem "Plädoyer gegen den akademischen Konformismus"  an die Öffentlichkeit und entlarvte einen Vortrag und einen Aufsatz über den "Deutschen Schäferhund im Zeitalter der Extreme" in der wissenschaftlichen Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" als satirische Intervention. Die Zeitschrift wird vom Hannah-Arendt-Institut herausgegeben und erscheint bei Vandenhoeck & Ruprecht. Die Gruppe wollte damit nach eigenem Bekunden den Jargon "der 'Human Animal Studies' (HAS)" als "das Vokabular der neuesten akademischen Mode [...] und gleichzeitig [die] altbekannte Rhetorik zum 'DDR-Unrechtsstaat'" kritisieren.

 

Inzwischen haben sich einige Autorinnen und Autoren im Netz geäußert. 

 

Ich hatte bereits im vergangenen Jahr nach der Lektüre des Tagungsberichtes bei H-Soz-Kult gewisse Zweifel an den steilen Thesen von "Christiane Schulte". Sie hatte ihren Vortrag vollständig bei Youtube hochgeladen. Leider ist der Link inzwischen tot und ich habe das Video (nur Tonspur) nicht gesichert. Ich suchte den Kontakt, was sich als ziemlich mühsam herausstellte. Diese "Christiane Schulte" war an keiner Uni bekannt. Keine Website präsentierte ihr Dissertationsprojekt. Es gab eine Facebook-Seite. Schließlich bekam ich von den Tagungsveranstaltern eine WEB.DE-E-Mail-Adresse. Dorthin schrieb ich am 20. Mai 2015:

 

"in Ihrem Vortrag „Der deutsch-deutsche Schäferhund“, den Sie dankenswerterweise bei Youtube zugänglich gemacht haben, reden Sie unter anderem auch darüber, dass Sie Belege für Kontinuitäten bei der Nutzung des "lebenden Inventars" (sprich von Wachhunden) des KZ Sachsenhausen im sowjetischen Speziallager ebendort gefunden hätten. Haben Sie diese Erkenntnisse bereits veröffentlicht? Wo kann man dazu genauere Informationen erhalten?"

 

Als Antwort erhielt ich am 22. Mai 2015:

 

"Lieber Herr Heitzer,

 

vielen Dank für Ihre Nachricht. Ich freue mich über Ihr Intersse an meinem Vortrag. Gerade überarbeite ich ihn für die Publikation. Er soll in der zweiten Jahreshälfte in der Zeitschrift "Totalitarismus und Demokratie" erscheinen, aber ich muss noch einige Änderungen vornehmen, weshalb ich den Text noch nicht herausgeben möchte. Gern kann ich Sie aber informieren, sobald der Text erschienen ist.

 

Mit freundlichen Grüßen,

Christiane Schulte"

 

Nachdem ich Ende November 2015 noch einmal nachgefragt hatte, erhielt ich am 16. Dezember die Mail. dass der Text endlich erschienen sei. Ein paar Stunden später hatte unsere Bibliothek eine Kopie besorgt. 

 

Ich hatte u.a. folgendes geschrieben:

"soeben ist das neue Heft von „Totalitarismus und Demokratie“ erschienen. Darin findet sich ein Aufsatz, der u.a. belegen will, dass vor und nach 1945 dieselben Hunde im Lager Sachsenhausen genutzt worden sein sollen. Mir gegenüber wollte die Autorin die Quelle für diese Aussage bei einem Vortrag in Berlin vor ein paar Monaten nicht offenlegen. Sie verwies darauf, dass sie bald einen Aufsatz veröffentliche. Bis ich diesen gelesen und die Aussagekraft der Quellen nicht selbst geprüft habe, halte die o.g. Behauptung für Quatsch, weil allein die Logik zumindest große Zweifel evoziert, etwa davon auszugehen, dass die Hunde im halben Jahr zwischen den Todesmärschen und der Befreiung des Konzentrations- und der Einrichtung des Speziallagers einfach brav (ohne Futter?) in ihren Zwingern geblieben sein sollen.

 


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Neue Rezension

Thomas Boghardt vom U.S. Army Center of Military History, Washington, D.C., hat mein Buch zur Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) im aktuellen Heft der "Studies in Intelligence" besprochen. Vollständig zu finden hier: https://www.cia.gov

 

"In his doctoral dissertation, German historian Enrico Heitzer has produced the definitive study of the KgU, including careful documentation of the organization’s numerous links to US intelligence agencies. Heitzer’s book is comprehensive, well-organized, and thoroughly researched. [...] 

 

The relationship between the KgU and US intelligence is best described as a partnership between two independent parties with identical goals—the weakening of the East German regime through espionage and covert action. In this bargain, the CIA contributed funds and guidance, and occasionally intervened on behalf of the KgU with the West German government and judiciary. In exchange, the KgU provided information and manpower, and absorbed massive MfS counter-strikes: numerous KgU agents were kidnapped, arrested, and received long prison sentences, and at least 126 were executed. The intensity

of the MfS’s response to the KgU’s operations suggests that the group had at least some impact in East Germany. [...]

 

Heitzer delivers a nuanced and detailed study of the KgU, however, his own assessment of the group grew more negative in the course of his research. [....] Readers may make up their own minds, but whatever one’s take on the KgU, no one will be able to discuss this controversial organization and its place in early Cold War Germany without taking into account Heitzer’s excellent book."

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Rezension "Sprechende Wände"

Ich habe bereits an anderer Stelle über das Buch, an dem ich mitgearbeitet habe, berichtet.

 

Ines Reich / Maria Schultz (Hgg.): Sprechende Wände. Häftlingsinschriften im Gefängnis Leistikowstraße Potsdam (= Forschungsbeiträge und Materialien der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten; Bd. 13), Berlin: Metropol 2015, 464 S., ISBN 978-3-86331-147-6, EUR 24,00

 

von Andreas Hilger

 

Die Gedenkstätte Leistikowstraße hat vor Jahren mit einer gut kuratierten, jedoch kontrovers diskutierten ständigen Ausstellung von sich reden gemacht. [1] Der nun von Ines Reich und Maria Schultz herausgegebene und anspruchsvoll gestaltete Band bietet Ergebnisse eines ebenso aufwändigen wie wichtigen Forschungsprojekts der Einrichtung. Früher, von 1945 bis 1991, befand sich dort ein Untersuchungs- und Transitgefängnis der sowjetischen militärischen Spionageabwehr. Die Gesamtzahl der Insassen ist bis heute unbekannt. Unstrittig ist, dass Militärs und Zivilangestellte der sowjetischen Streitkräfte das Gros der Häftlinge ausmachten. Ihnen legten die Behörden politische, insbesondere ab den 1950er-Jahren vor allem Kriminalverbrechen zur Last. Daneben kamen bis 1954/1955 Deutsche ebenfalls in das Gefängnis. Sie wurden ausnahmslos "konterrevolutionärer", d.h. politischer, Vergehen beschuldigt. Heute lassen in der Leistikowstraße die früheren Zellen die Torturen des stalinistischen Strafsystems wie die extremen Haftbedingungen auch post-stalinistischer Jahre erahnen. Dazu tragen nicht zuletzt die 1500 erhalten gebliebenen Inschriften bei, die Insassen während ihres Aufenthalts in den kalten und kargen Zellen mit Nägeln oder anderen in die Haft geschmuggelten Gegenständen in den Putz ritzten. 900 davon sind Textnachrichten, von denen 400 in deutscher und 500 in russischer Sprache verfasst sind.

 

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Buchvorstellung "Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947). Eine historisch-biographische Studie"

BUCHVORSTELLUNG


Todesurteile sowjetischer Militärtribunale gegen Deutsche (1944–1947) Eine historisch-biographische Studie


Dienstag, 17. November 2015, 18.30 Uhr 

Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

Besucherinformationszentrum

Straße der Nationen 22

16515 Oranienburg


Mit der Erforschung der Todesurteile Sowjetischer Militärtribunale (SMT) gegen Deutsche in der Zeit von 1944 bis 1947 schließt die vorgestellte Publikation eine Lücke in der Aufarbeitung des Stalinismus und der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die Untersuchung basiert auf Recherchen in russischen, deutschen und amerikanischen Archiven und präsentiert sowohl eine statistische und qualitative Auswertung der Urteile als auch eine umfassende biographische Übersicht zu den Verurteilten. Nach aktuellem Stand wurden gegen 3.301 Deutsche Todesurteile verhängt, 2.542 davon nachweislich vollstreckt. Dabei stand die juristische Ahndung von Verbrechen aus der Zeit vor 1945 im Vordergrund. Zwischen 1947 und 1950 war die Todesstrafe ausgesetzt.


Begrüßung

Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten


Vorstellung der Publikation durch die Herausgeber

Dr. Andreas Weigelt, Dr. Klaus Müller, PD Dr. Thomas Schaarschmidt und PD Dr. Mike Schmeitzner


Moderation

Dr. Enrico Heitzer, Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen

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Forschungskolloquium zur Geschichte des Nationalsozialismus (HU Berlin)

Heute, 19.11.2015, präsentiere und diskutiere ich die Ergebnisse meiner Dissertation im Forschungskolloquium von Prof. Dr. Michael Wildt.


Weiteres hier: Forschungskolloquium zur Geschichte des Nationalsozialismus (HU Berlin), 15.10.2015 – 11.02.2016 Berlin, in: H-Soz-Kult, 01.10.2015, <http://www.hsozkult.de/event/id/termine-28986>. 

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The Fighting Group against Inhumanity: The Incarnation of Anticommunism in a Divided Germany 1948-1959

Woodrow Wilson International Center for Scholars
Woodrow Wilson International Center for Scholars

Presentation 

Cold War International History Project

Wed. Oct. 21 2015, 3:00pm — 4:30pm, 4th Floor, Woodrow Wilson Center, Washington DC


The “Fighting Group Against Inhumanity” (“Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit” / KgU) has for a long time been considered the incarnation of both anticommunism and hostility to the German Democratic Republic in both East and West. Founded in 1948 in response to the wave of releases of prisoners from the Soviet “special camps” and resolved during the second Berlin crisis in 1959, the KgU not only undertook humanitarian activities, disseminated leaflets, and took action as intelligence service – it also promoted and temporarily practiced itself violence as a means of resistance against the communist government in Eastern Germany. This study examines the emergence, the organizational structure and the fields of action of this privately run, but politically highly effective organization.


“The book is a scientific work, an analysis, objective and without emotional outbursts or ethical judgments. It is this that makes it so valuable; because its reading is as exciting as a thriller.”

- Egon Bahr


See more here.

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Neuigkeiten zur Gedenkstätte "Perm 36"

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Tagung in Moskau und Perm Anfang September 2015 äußern sich in einem Video der "Novaya Gazeta" kritisch zum Zustand des Gedenkens in der Gedenkstätte "Perm 36".


In Anschluss daran finden sich die Übersetzungen von zwei zentralen Ausstellungstexttafeln der neuen Ausstellungen der Gedenkstätte, an denen die Ausrichtung des veränderten Narrativs sehr deutlich wird.

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Der Zustand des Gedenkens an den Terror im Museum „Perm-36“

Freundlicherweise darf ich hier eine eigene Übersetzung des Artikels veröffentlichen, der auf Russisch am 15. September 2015 auf dem Portal "Ab Imperio" erschienen ist. Ich danke den AutorInnen Maria Turgovets, Daria Buteiko und Evgenij Shtorn für die freundliche Erlaubnis. Es wurden stillschweigend einige Kleinigkeiten angepasst, die für deutsche Leser ansonsten schwerer verständlich gewesen wären.

 

Fotos: Enrico Heitzer

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Im Fokus der Stalinisten

Wenn man vom Portal NAKANUNE.RU kritisiert wird, das maßgeblich an einer stalinistisch anmutenden Kampagne gegen die Gedenkstätte „Perm 36“ beteiligt ist, hat man wohl etwas richtig gemacht. Angeblich bereiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer einer deutsch-russischen Tagung für Nachwuchsforscher eine Provokation vor. Wir sollen, glaubt man der Autorin Anna Smirnowa, geplant haben, die Botschaft zu verbreiten, dass die ehemalige Haftanstalt "Perm 36" "wie ein faschistischen Konzentrationslager" gewesen sei. Das ist solch ein abstruser Blödsinn, dass jeder weitere Kommentar dazu überflüssig ist.

Nakanunie.ru vom 07.09.2015 'Das Forum unter der Patronage von Subkow bereitet eine Provokation vor:  "Euer Perm - wie ein faschistisches Konzentrationslager"'
Nakanunie.ru vom 07.09.2015 'Das Forum unter der Patronage von Subkow bereitet eine Provokation vor: "Euer Perm - wie ein faschistisches Konzentrationslager"'
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Russland „Konzeption zur Bewahrung des Gedenkens an die Opfer politischer Verfolgungen“ 15.08.2015

Am 15. August hat die russische Regierung eine staatliche „Konzeption zur Bewahrung des Gedenkens an die Opfer politischer Verfolgungen“ (PDF) beschlossen. Ein Echo in der deutschen Presse ist bislang ausgeblieben. Memorial Deutschland hat aber eine Stellungnahme des Vorsitzenden von Memorial International, Arsenij Roginskij, veröffentlicht, der sich vorsichtig optimistisch äußert. 

 

Im Rahmen einer Tagung, bei der wir auch mit Roginskij und anderen russischen Vertretern von Memorial sprachen, wurde mir von der Friedrich-Ebert-Stiftung Moskau eine Übersetzung des russischen Regierungsdokuments zugänglich gemacht. Weil es ohne Zweifel auch für deutsche Leser von Interesse ist, stelle ich diese hier ein.

Arsenij Roginskij, Vorsitzender von Memorial International
Arsenij Roginskij, Vorsitzender von Memorial International
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Tagungsbericht: 25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager

Von Alexander Walther, Europäisches Kolleg Jena. Das 20. Jahrhundert und seine Repräsentationen, Friedrich-Schiller-Universität Jena

 

Im Januar 2015 hatte die Fraktion der Alternative für Deutschland im Thüringer Landtag mit einer geplanten Kranzniederlegung in der Gedenkstätte Buchenwald für Aufsehen gesorgt. Anlässlich des 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, zugleich bundesweiter Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, wollte die AfD einen Kranz, der an alle „Opfer des Konzentrations- und Speziallagers Buchenwald“ erinnern sollte, niederlegen. Nach Protesten wurde die Spruchformel zwar zu einem unkonkreten „In stillem Gedenken“ geändert. Gleichwohl zeigt sich hier, wie auch 25 Jahre nach Beginn der Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager diese noch immer polarisieren kann und wie attraktiv eine Gleichstellung und damit Gleichwertung der Konzentrations- und Speziallager mit Rückgriff auf die Totalitarismus-These weiterhin ist.

 

Die Jahrestage der Einrichtung und Auflösung der sowjetischen Speziallager und der Beginn ihrer Aufarbeitung waren Anlass für die Konferenz „25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager“, die vom 25. bis 27. Juni im Goethe-Nationalmuseum Weimar durch die Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten und der Stiftung Ettersberg veranstaltet wurde.

 

Ausgangspunkt bildete der Einführungsvortrag von JOST DÜLFFER (Köln). Der „wilde Kontinent“ (Keith Lowe) stand im Zentrum seiner Ausführungen. Dülffer erinnerte an die Komplexität und Vielzahl der Geschehnisse während des Kriegsendes und wies besonders auf die regionalen Unterschiede hin. Während in Westeuropa mit dem 8. Mai tatsächlich die Kampfhandlungen eingestellt worden waren, hielten diese im östlichen und südöstlichen Europa weiterhin an oder begannen von neuem, etwa mit dem Bürgerkrieg in Griechenland. Den chaotischen Zuständen folgten rasch politische Ordnungsversuche, die sich in Ost und West je nach Besatzungsmacht verschieden ausgestalteten. Somit waren auch die Kategorien, nach denen Menschen als Täter, Mitläufer oder Unbelasteter eingestuft wurden, in den Besatzungszonen unterschiedlich. Die ethnischen und sozialen Konflikte seien mit 1945 ebenso wenig überwunden worden, so Dülffer, wie die materiellen und mentalen Folgen des Krieges.

 

In der anschließenden Podiumsdiskussion wurde von BERND BONWETSCH (Ebeltoft) auf die Wirkmacht der nationalsozialistischen Propaganda und den Mythos der „Werwölfe“ hingewiesen. Die Rote Armee habe bei ihrem Vorstoß einen ähnlich starken Widerstand erwartet, wie etwa in Polen oder der Ukraine. NS-Täter seien durch die sowjetischen Stellen eher aus ideologischen und sicherheitstaktischen denn aus strafrechtlichen Gründen verfolgt worden. GALINA IVANOVA (Moskau) erinnerte an die Eingliederung der sowjetischen Speziallager in das stalinistische Lagersystem und den hohen Grad an Willkür, der dadurch auf die Verhaftungspraxis gewirkt habe.

Beim gemeinsamen Vortrag mit Julia Landau, (c) Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
Beim gemeinsamen Vortrag mit Julia Landau, (c) Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora
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Tagungsbericht: Gedenkstätten an NS-Verbrechen in Polen und Deutschland: Von Mahnstätten über zeithistorische Museen zu Tourismusorten

Tagungsbericht zu einer von mir maßgeblich mit organisierten Tagung

 

von Thomas Irmer, Berlin

 

Anlässlich des 70. Jahrestages von Kriegsende und Befreiung befasste sich die vom in Berlin ansässigen Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften und der Gedenkstätte Sachsenhausen ausgerichtete Tagung mit der Arbeit von Gedenkstätten und Museen zur NS-Zeit in beiden Ländern. In fünf Panels diskutierten 18 ReferentInnen über die Rolle von authentischen Orten, die Aufgaben von Gedenkstätten, die Instrumentalisierung oder über die Gedenkstättenpädagogik. Mehr als 100, überwiegend deutsche und polnische TeilnehmerInnen besuchten die Tagung im Ungarischen Kulturzentrum.

 

Im Eröffnungsvortrag unternahm ADAM KRZEMIŃSKI (Warschau) ausgehend von persönlichen Erfahrungen eine beeindruckende Tour d´Horizon durch sieben Jahrzehnte polnischer und deutscher Erinnerungskultur und Gedenkpolitik. Heute stehen wir Krzemiński zufolge vor einer wesentlichen „Verschiebung der Wahrnehmung des 20. Jahrhunderts“, da die Erlebnisgenerationen abtreten und der Besuch einer KZ-Gedenkstätte bei den nach 1989 Geborenen nicht mehr zu so solch prägenden Erschütterungen wie bei den Generationen davor führe. Die Diskussion über die Folgen des Abschieds von den Zeitzeugen und über den Umgang jüngerer Generationen mit Gedenken und Erinnerung war einer der Gründe für die Durchführung der Tagung, wie GÜNTER MORSCH (Sachsenhausen) in seiner Begrüßung ausführte. Im Zusammenhang mit dem 70. Jahrestag des Endes des zweiten Weltkriegs sei in Politik und Medien in Deutschland auch von einer „Zäsur in der Entwicklung der Erinnerungskultur“ die Rede. Sehr bedenklich seien außerdem auch auf europäischer Ebene geführte Diskussionen über die Erinnerung an die kommunistischen Regimes, wenn sie auf eine alle Diktaturen vermischende, anti-totalitäre Erinnerungskultur hinausliefen. Deutschland und Polen eignen sich in besonderer Weise dafür, Fragen zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Gedenkstätten zu diskutieren, so MORSCH, da sich in den beiden Ländern die meisten NS-Gedenkstätten befinden. In Deutschland sei die Erinnerung an den Nationalsozialismus von einer negativen Erinnerung an das Land der Täter bestimmt, in Polen hingegen durch eine Märtyrologie als dem Land, aus dem die meisten Opfer kamen.

 

Im Mittelpunkt des ersten, von dem Politikwissenschaftler HARALD SCHMID (Schleswig-Holstein) moderierten Panels standen Fragen zum Umgang mit den authentischen Orten. In diesem Rahmen befasste sich ROBERT TRABA (Berlin) mit Unterschieden in deutschen und polnischen Wahrnehmungen von Erinnerungsorten wie Auschwitz, insbesondere im Hinblick auf polnische nicht-jüdische Häftlinge. Außerdem hob Traba hervor, dass die Geschichte vieler lokaler Orte der „kleinen Vernichtung“ noch nicht erzählt sei. Wie können sie in die große Erzählung über den Krieg und NS-Verbrechen eingebunden werden? GABI DOLFF-BONEKÄMPER (Berlin) zeigte, welchen Beitrag die Methoden der Denkmalpflege für die Konstruktion bzw. Dekonstruktion der Erinnerung liefern können. Es sei besonders wichtig, den Blick auf das Abwesende in den heutigen Gedenkstätten zu richten – ein Thema, das im Verlauf der Tagung mehrfach aufgriffen wurde. Des Weiteren schlug Dolff-Bonekämper vor, anstatt von „Orten der Erinnerung“ von „Orten der Erzählung“ zu sprechen, da die authentischen Orte heute in erster Linie Orte der Vermittlung und Weitergabe seien, wobei die Lernwege und die VermittlerInnen entscheidend seien. HABBO KNOCH (Köln) befasste sich mit den Herausforderungen und der Wichtigkeit digitaler Medien für die Erinnerung am authentischen Ort. Am Beispiel eines Projekts der Gedenkstätte Bergen-Belsen berichtete er von neuen Lernerfahrungen mit digitalen Medien wie einem dreidimensionalen Lagermodell, wobei durch Elemente der „Augmented Reality“ unsichtbare Orte digital sichtbar und historische Quellen mit dem Ort verbunden werden konnten.

 

[Weiterlesen auf HSozKult]

 

Zitation

Tagungsbericht: Gedenkstätten an NS-Verbrechen in Polen und Deutschland. Von Mahnstätten über zeithistorische Museen zu Tourismusorten, 11.06.2015 – 13.06.2015 Oranienburg und Berlin, in: H-Soz-Kult, 07.09.2015,<http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6146>.

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Historiker kritisieren Umgang mit Speziallagern in Thüringen

29.06.2015 - Thüringer Allgemeine


Weimar. Historiker haben in Weimar scharfe Kritik am Umgang mit den sowjetischen Speziallagern in den neuen Bundesländern geübt.


„Die Fakten über die Entnazifizierungslager werden von der Politik ignoriert und die Insassen pauschal zu Opfern erklärt“, sagte der Leiter der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen, Günther Morsch, bei einer Fachtagung im Goethe-Nationalmuseum in Weimar.


In der öffentlichen Auseinandersetzung würden die Lager fälschlicherweise allein als Ins-trumente der Durchsetzung stalinistischer Herrschaft in Ostdeutschland instrumentalisiert und mit den Konzentrationslagern der Nazis gleichgesetzt. „Der Anteil von Systemgegnern der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR war aber nur sehr gering“, sagte Morsch. Der Historiker kritisierte Forderungen nach Namenstafeln für alle Internierten in den Gedenkstätten. „Auf diesen Tafeln würden die Namen vieler NS-Verbrecher und Mörder stehen, die nach 1945 interniert worden waren“, so Morsch.


Weiter hier: http://www.thueringer-allgemeine.de/startseite/detail/-/specific/Historiker-kritisieren-Umgang-mit-Speziallagern-in-Thueringen-1759488165


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Konf: 25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager - Weimar 25.06.2015-27.06.2015 

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Tagungsprogramm 25 Jahre Aufarbeitung der Geschichte der sowjetischen Speziallager Weimar 25.-27.06.2015
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Vom Wunder des Überlebens. DOKUMENTARFILM ZUM SCHICKSAL EINES HOLOCAUST-ÜBERLEBENDEN

Vom 11.-13. Juni 2015 fand in der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen und dem Collegium Hungaricum eine Tagung über polnische und deutsche NS-Gedenkstätten statt. Es kooperierten das Zentrum für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften Berlin und die Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen (Download des Programms).

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Gerhard Schmale gestorben

1. März 2013 Öffentliche Diskussion um die Vorgänge in Altenburg 1949/50. Das Theaterstück "Die im Dunkeln" hat Premiere. Links die Autorin des Stückes Mona Becker, gefolgt von Gerhard Schmale, Jörn-Ulrich Brödel und mir.
1. März 2013 Öffentliche Diskussion um die Vorgänge in Altenburg 1949/50. Das Theaterstück "Die im Dunkeln" hat Premiere. Links die Autorin des Stückes Mona Becker, gefolgt von Gerhard Schmale, Jörn-Ulrich Brödel und mir.
10.01.2013 Vorbereitungsgespräch zum Theaterstück "Die im Dunkeln" mit Jörn-Ulrich Brödel, mir, der Autorin Mona Becker und Gerhard Schmale
10.01.2013 Vorbereitungsgespräch zum Theaterstück "Die im Dunkeln" mit Jörn-Ulrich Brödel, mir, der Autorin Mona Becker und Gerhard Schmale
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Buchpräsentation «Sprechende Wände». Häftlingsinschriften im Gefängnis Leistikowstraße Potsdam 

Heute fand in der gut besuchten Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße in Potsdam die Präsentation des Buches "Sprechende Wände" (Metropol Verlag) statt. An dem Band, haben unter der Koordination von Gedenkstättenleiterin Ines Reich und ihrer Mitarbeiterin Maria Schultz eine ganze Reihe von Menschen mehrere Jahre lang gearbeitet. Dazu zählte auch ich, der zusammen mit Bianca Schröder einen Beitrag über die "Eberswalder Gruppe" um Hans Erdler und Dr. Gerhard Ramlow geschrieben hat.

Download
Einladung zur Buchpräsentation
PDF
einladung_sprechende_waende_1.pdf
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Ramlow, vor 1945 Autor von militaristischen Publikationen und später im NS-Geheimdienst "Forschungsamt" tätig, wurde ebenso wie Erdler, der im rechten Untergrund der Weimarer Republik und dem rechtsgerichteten Widerstand gegen das "Dritte Reich" anzutreffen gewesen war, hingerichtet. Erdler war nicht nur Freikorpskämpfer gewesen und hatte am Kapp-Putsch teilgenommen, sondern war 1923 auch im Ruhrkampf mit einem von ihm gebildeten Sabotagetrupp in Sprengstoffanschläge und Attentate verwickelt gewesen. Später reüssierte er als Spezialist für den operativen Kleinkrieg und bildete vor 1933 Hunderte SA-Führer in Wehrsportlagern aus.

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Reaktionen auf "Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit 1948-1959: Widerstand und Spionage im kalten krieg"

Klappentext

 

Die »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit« (KgU) galt in Ost und West lange Zeit als Inkarnation des Antikommunismus und der Feindschaft gegen die DDR. 1948 als Reaktion auf die Entlassungswelle aus den sowjetischen Speziallagern gegründet und 1959 während der zweiten Berlin-Krise aufgelöst, entfaltete die KgU nicht nur humanitäre Aktivitäten, verbreitete Flugblätter oder war nachrichtendienstlich tätig, sondern beförderte – und praktizierte zeitweise auch – Gewalt als Widerstandsmittel gegen die Staatsführung. Enrico Heitzer untersucht die Entstehung, den organisatorischen Aufbau, und die Handlungsfelder dieser privat geführten, aber politisch höchst wirkungsvollen Organisation.

 

»Das Buch ist eine wissenschaftliche Arbeit, eine Analyse, sachlich und ohne emotionale Ausbrüche, ethische Wertungen. Gerade das macht sie so wertvoll; denn die Lektüre ist aufregend wie ein Krimi.« (Egon Bahr)


Enrico Heitzer: Die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU). Widerstand und Spionage im Kalten Krieg 1948—1959 (Zeithistorische Studien, herausgegeben vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, Band 53). Köln, Weimar, Wien (Böhlau-Verlag) 2015, 552 Seiten, 34 Schwarz-Weiß-Abbildungen, 64.90 Euro.

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Tagungsbericht: Geheimdienste: Netzwerke, Seilschaften und Patronage in nachrichtendienstlichen Institutionen

Für HSozKult Michael Rupp, London School of Economics

 

In der kleinen Synagoge, Erfurt tagten vom 4. bis 6. September 2014 Historiker der Spezialdisziplin Geheimdienstgeschichte, mit dem Ziel, die Funktion und Wirkungsweise von Netzwerken, Seilschaften und Patronage in solchen Organisationen zu eruieren und sich über mögliche Methoden des Zugangs zu verständigen.

 

Begrüßt wurden die Gäste von den Organisatoren Gerhard Sälter und Eva Jobs. In seinen Eingangsworten ging Sälter auf die Entstehungsbedingungen moderner Geheimdienste im 20. Jahrhundert ein. Deren wesentliche Merkmale seien die Verstetigung und Institutionalisierung von Tätigkeiten, die im Grunde nicht neu seien. Für den Entstehungsprozess dieser Dienste waren eine Technisierung des Krieges und moderner Kommunikationsmittel relevant, welche einen permanenten Informationsfluss verlangten. Sälter gab jedoch zu bedenken, dass dies weder ihre organisatorische Unabhängigkeit vom Militär noch ihr großes Wachstum in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hinreichend erkläre. Es habe dagegen den Anschein, als hätten die Staaten sich angesichts eines Strukturwandels der Öffentlichkeit und einer Tendenz zur Demokratisierung mit den Geheimdiensten „abgeschlossene Räume“ für einen Teil ihres Regierungshandelns geschaffen, der durch Diskretion und Geheimhaltung vor dem Einfluss demokratischer Gesellschaften geschützt seien. Eva Jobs legte den Schwerpunkt ihrer Einführung auf die Wechselwirkung von Diensten und Öffentlichkeit. Ein Vakuum von Nicht-Wissen und wuchernde Spekulationen seien dabei Teile des gleichen Phänomens, dessen Wurzel in den unklaren Konturen der Aufgabenfelder von Diensten zu finden ist, in der Praxis und mehr noch im öffentlichen Bewusstsein. Aufgrund der sich stetig verbessernden Quellenlage sei nicht mehr die Frage ob, sondern wie die historische Forschung sich dem Aufgabenfeld zu nähern habe.

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Sammelband: Ereignis & Gedächtnis: Neue Perspektiven auf die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager

Imke Hansen und Katarzyna Nowak veranstalteten mit mir zusammen den 16. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, der Oswiecim stattfand. Nun ist der Sammelband erschienen, den wir in der "Topographie des Terrors" neben den beiden Folgebänden aus der Reihe, die beim verdienstvollen Metropol-Verlag erschienen, präsentierten.

 

Klappentext

Der Band präsentiert die Ergebnisse des 16. Workshops zur Geschichte der Konzentrationslager. Die Beiträge untersuchen nationalsozialistische Lager samt ihrer Nachgeschichte, ihrer Wirkung auf Biografien und gesellschaftliche Diskurse. Sie nehmen Lebensläufe von Überlebenden, von Orten und Geschichtsbildern aus einer wahrnehmungs- und erfahrungsgeschichtlichen Perspektive in den Blick. Die Konfrontation von Ereignis und Gedächtnis, von Erfahrungen und Erinnerungen gewährt neue Einsichten in ein wissenschaftlich, gesellschaftlich und politisch bedeutendes Forschungsfeld

 

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Lehren der Vergangenheit: Totalitarismus in Museen, Gedenkstätten, Archiven und modernen Medien in Russland und Deutschland

Eine Tagung in Zusammenarbeit der Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) in der Russischen Föderation, der AG Zivilgesellschaft des Petersburger Dialogs, des Russischen Staatsarchives für sozial-politische Geschichte (RGASPI) und dem Museum "Perm-36"

 

01.12.2014–07.12.2014, Perm

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Reaktionen auf den Sammelband: Ein Kampf um Deutungshoheit – Die Auseinandersetzungen um die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam, Hrsg. von Wol

Rezension von Anne Lepper auf Lernen-aus-der-Geschichte.de


[...] EIN NEUER HISTORIKERSTREIT?

Die Auseinandersetzungen um die Gedenkstätte Leistikowstraße nimmt Andrew H. Beattie zum Anlass, um die verschiedenen Standpunkte, die sich innerhalb der deutschen Geschichts- und Erinnerungspolitik während und in Anschluss an den Historikerstreit von 1986 herausgebildet haben, zu beleuchten. Entgegen der Auffassung verschiedener Historiker/innen registriert Beattie überdauernde Totalitarismus-Theorien und Gleichsetzungstendenzen in der deutschen Aufarbeitungspolitik. Angesichts dieser beobachteten Entwicklungen, weist er auf die unterschiedliche Wahrnehmung verschiedener renommierter Historiker/innen bezüglich der differenzierten Betrachtungsweise und der erinnerungspolitischen Einordnung beider Vergangenheiten in der Gesellschaft hin. Jedoch trotz dieser divergierenden Auffassungen sei es zu keinem „neuen Historikerstreit“ gekommen, konstatiert Beattie und beklagt in dem Zusammenhang fehlende Forschungsarbeiten zu Fragen der Kontinuität und des Wandels vom Historikerstreit bis in die Gegenwart. In seinem Text zeichnet er den Weg vom Historikerstreit 1986 über die Jahre nach der Wiedervereinigung bis zum Streit um die Gedenkstätte Leistikowstraße nach. Der Fokus liegt hierbei in erster Linie auf der Frage nach der Vergleichbarkeit von Kommunismus und Nationalsozialismus und der Verhinderung der Gleichsetzung beider Systeme. Dabei wird der Konflikt herausgestellt, der sich aus der Kritik konservativer Kräfte an der Ablehnung einer „äquivalenten“ Behandlung – vornehmlich durch die Linke – ergibt.

 

DIE GLEICHSETZUNG TOTALITÄRER SYSTEME

Juliane Wetzel erläutert in ihrem Beitrag die Problematik des 23. August als europäischen Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus. Der umstrittene Gedenktag, der durch seine Durchführung Nivellierungstendenzen innerhalb der Gesellschaft sichtbar macht, wird mittlerweile in verschiedenen europäischen Ländern, darunter Schweden, Estland, Lettland, Litauen, Kanada, Bulgarien, Kroatien, Polen, Ungarn und Slowenien begangen. Wetzel macht in ihrem Text auf die Gefahr der Trivialisierung des Holocaust durch Gleichsetzung mit dem Stalinismus aufmerksam.

Als Beispiele einer Geschichtsauffassung, die statt auf Differenzierung zwischen den totalitären Systemen auf eine Instrumentalisierung und Mystifizierung des kulturellen Gedächtnisses abzielt, werden in dem Band zwei Orte vorgestellt, deren Konzepte in erster Linie patriotische Interessen bedienen: Brigitte Mihok stellt die Gedenkstätte „Haus des Terrors“ in Budapest vor, die eine Gleichsetzung des faschistischen und des kommunistischen Regimes legitimiert, und Ewa Czerwiakowski befasst sich mit dem Museum des Warschauer Aufstands, in dem die historischen Fakten über den Kampf der Warschauer Zivilbevölkerung gegen die Deutschen im Jahre 1944 teilweise durch einen unsachlichen Heldenkult überlagert wird.

 

UNTERSCHIEDLICHE PERSPEKTIVEN VON WISSENSCHAFTLER/INNEN UND ZEITZEUG/INNEN

Der Streit, der aufgrund konkurrierender Interessen wissenschaftlicher Vertreter/innen und Zeitzeug/innen an vielen Gedenkstätten und Orten mit „doppelter Vergangenheit“ ausgetragen wird, wird in einem Beitrag von Carola S. Rudnick in Bezug auf die sächsischen Gedenkstätten und in einem Streitgespräch zwischen Winfried Meyer und Roland Brauckmann in Bezug auf die Gedenkstätte Leistikowstraße, thematisiert.

In zwei weiteren Beiträgen kommen ehemalige Häftlinge des sowjetischen Untersuchungsgefängnisses zu Wort. Friedrich Klausch und Waldemar Hoeffding berichten über ihre Erfahrungen während der Haftzeit und setzen sich aus der Perspektive der „Zeitzeugen“ mit der Entwicklung der Gedenkstätte auseinander.

Drei Beiträge geben Einblick in die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der sowjetischen Besatzungsjustiz und ihren Folgen. Andreas Hilger gibt in „Der Gulag in Deutschland“ einen Überblick über sowjetische Haftstätten in Deutschland nach 1945. Martin Jander stellt die „Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft“ vor und zeichnet deren Motive und Aktivitäten nach und Enrico Heitzer setzt sich mit der „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ auseinander. Beide Autoren bewegen sich in ihren Texten im Spannungsfeld zwischen der Durchsetzung berechtigter Opferinteressen und den politischen Kampagnen militanter antikommunistischer Aktivist/innen.

Carola Rudnick thematisiert in einem zweiten Beitrag die Musealisierung der DDR und Barbara Distel setzt sich mit der Frage auseinander, ob mit dem fortschreitenden Verlust von KZ-Überlebenden als Zeitzeugen die mediale Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus mehr und mehr durch die emotionalen Bedürfnisse und Forderungen der Konsumenten bestimmt wird, anstatt historische Tatsachen im Blick zu haben. [...]

Rezension von Uwe Neumärker im Gedenkstättenrundbrief Nr. 171 (09/2013) S. 54-56

 

[...] der »Kampf um Deutungshoheit. Politik, Opferinteressen und historische Forschung« am Beispiel der »Auseinandersetzungen um die Gedenk- und Begegnungsstätte Leistikowstraße Potsdam« geht um die politische Instrumentalisierung des Gedenkens und den Versuch, die fundamentalen Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und Sowjetkommunismus einzuebnen, wie der Herausgeber, Wolfgang Benz, in seiner klugen, wegweisenden Einleitung trefflich analysiert. Die Besonderheit der deutschen Situation, mit dem Erbe beider Regimes umgehen zu müssen, liegt auf der Hand. Die Leistikowstraße 1 steht dabei für den Terror in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands. Der Streit um die Gedenkstätte kann als radikalisierter Ausdruck der oft unterschiedlichen Interessen von Opfern und Politikern auf der einen sowie der historisch-wissenschaftlichen Aufarbeitung auf der anderen Seite gelten. [...] Enrico Heitzer wiederum gelingt in seinem Artikel zur »Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit in West-Berlin und in der Bundesrepublik« die sachliche Darstellung einer vergleichbaren Opferorganisation in den 1950er Jahren. [...]

Juliane Wetzel widmet sich fast ganz am Schluss des Sammelbandes dem 23. August als europäischem Gedenktag an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus unter der Fragestellung »Trivialisierung des Holocaust?« Wetzel beklagt Nivellierungstendenzen »im öffentlichen Diskurs vieler Länder« und befürchtet, dass das Holocaust-Gedenken in den Hintergrund gedrängt, zumindest mit dem Gedenken an die Millionen Opfer des realen Sozialismus gleichgesetzt werde. Man hakt das Thema »Verbrechen im 20. Jahrhundert« praktisch an einem Gedenktag ab. Das wäre fatal, ist allerdings eine deutsche, eine westliche Sicht auf die Dinge: In den »neuen« europäischen Staaten, die diese Idee durchgesetzt haben, herrschen andere Denkweisen und Deutungsmuster vor, die mit der westlichen Erinnerungskultur oft nicht kompatibel sind; eine gemeinsame Geschichtsauffassung gibt es auch hier nicht. Zumindest die drei baltischen Länder eint jedoch, dass die Ermordung der Juden (auch der Sinti) in der öffentlichen nichtjüdischen Erinnerung praktisch nicht vorkommt, nicht Teil einer Staatsraison wie in Deutschland ist. Das eigene Leiden unter dem sowjetischen Terror 1940/41 und von 1944 bis 1990/91 dagegen währte viel länger, es ist in jeder Familienerzählung dominant. Ein allgemeiner Gedenktag lässt zudem die eigene Mittäterschaft am Massenmord geflissentlich übergehen.

Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen ist zunächst einmal eine nationale Aufgabe. Staaten und Politiker täten gut daran, daraus keinen europäischen »Einheitsbrei« zu machen – Aufrechnen und Gleichsetzen gewissermaßen zu sanktionieren. Die Debatten um den richtigen Umgang und die Bewertung des 20. Jahrhunderts werden und müssen allerdings weitergehen. Der Sammelband von Wolfgang Benz bietet Einblicke in die großen Auseinandersetzungen über die Darstellung des Kampfes um Deutungshoheit in der Potsdamer Leistikowstraße mithin wie darüber hinaus in grundsätzliche Fragen des Gedenkens und Aufklärens.

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Reaktionen auf "Einige Greifen der Geschichte in die Speichen": jugendlicher Widerstand in Altenburg / Thüringen 1948 bis 1950

Klappentext

Dezember 1949, Stalins 70. Geburtstag. In Altenburg versuchen Angehörige einer Widerstandsgruppe, mit einem Radiosender die Übertragung der Rede Wilhelm Piecks zu Ehren des sowjetischen Diktators zu stören und selbst auf Sendung zu gehen. Der Sprecher prangert das DDR-Regime an, verlangt die Entlassung von politischen Häftlingen und freie Wahlen. Drei Monate später wird die Gruppe vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR und von der sowjetischen Geheimpolizei zerschlagen. Sowjetische Militärgerichte führen den Prozess gegen ein Dutzend Angeklagte. Vier junge Männer werden zum Tod verurteilt und hingerichtet.

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Tagungsbericht: Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, 21.05.2010 – 25.05.2010 Birkenau

Im Vorfeld der Konferenz hatte es Irritationen gegeben, als Henryk M. Broder unseren Call for Papers in der für ihn typischen Art und Weise kommentierte:

 

“Was hat es mit dem Ereignis des Holocaust auf sich?” fragen ein paar Nachwuchshistoriker aus Deutschland und Polen und laden zu einem “Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager” nach Auschwitz-Birkenau ein, wo sie über “Neue Perspektiven der Konzentrationslagerforschung: Ort, Ereignis und Gedächtnis” labern wollen, bis der Schornstein qualmt. Interessierte werden gebeten, Abstracts ihrer Vorträge bis zum 15.2. einzuschicken. Das ist die “Deadline”.

 

Das akademische Jungvolk, das Dank der Gnade der späten Geburt um die Erfahrung gekommen ist, als SS-Mann oder Frau Dienst an der Rampe schieben zu können, zieht es mit magischer Gewalt an den Ort der Verbrechen ihrer Vorfahren zurück. Und so wie sie sich nichts dabei denken, im Zusammenhang mit Auschwitz von einer Deadline zu reden (Redaktionsschluss wäre nicht romantisch genug), so macht es ihnen nichts aus, von einer “Europäisierung und Internationalisierung des Holocaust” zu phantasieren, die “eine Pluralisierung der Konzepte und Kontexte” begründet. Ja, wer zum Onanieren zu blöd ist, der muss sich eben einen dekonstruieren: “Darüber hinaus sollen die universell aus dem Holocaust abgeleiteten politik- und handlungsleitenden Imperative dekonstruiert und auf ihre Bedeutung für die Wahrnehmung des Holocaust befragt werden.”

 

Jemand aus dem Orgateam reagierte unabgesprochen, was Broder zu einer zweiten Polemik motivierte:

 

gut lesen können sie schlecht, aber schlecht denken können sie prima. ich werde also gnade vor unlust ergehen lassen und sie aufklären, was es so mit dem „ereignis auschwitz“ auf sich hat.

 

dass der satz von dan diner stammt, weiss ich, das macht ihn nicht besser. dass sie sich hinter einem jüdischen historiker verstecken, um den von ihnen fabrizierten unsinn zu veredeln, gehört wohl zu den feinheiten der akademischen event-kultur, die aus den katastrophen von gestern die planstellen von morgen macht.

 

was also hat es mit dem „ereignis“ auf sich? sind die zahngoldpreise in den keller gefallen? produziert boss nach wehrmachtsuniformen jetzt auch KZ-moden? kommt birkenau auf die weltkulturliste der UNESCO?

 

es ist noch schlimmer. auschwitz ist die größte touristenattraktion im raum krakau, ein muss für jeden besucher der region. auschwitz wird wie disneyland beworben und spielt – ähnlich wie das berliner holo-mahnmal – direkt und indirekt millionen ein.

 

grundlage des geschäfts ist der tod von über einer million häftlingen und das bedürfnis der besucher nach einem grusel-erlebnis der extrra-klasse. für die ökonomie der emotionen ist es gleich, ob einer ein gruselkabinett oder die gaskammern besucht, der unterschied liegt nur in der intensität der imaginierten gefühle. die gaskammer ist geiler und authentischer als jeder schlachthof.

 

bei unbedarften besuchern, die schon den westwall in der eifel, verdun und peenemünde besucht haben, lass ich das durchgehen. aber nicht bei akademikern, die ihre nekrophile geilheit mit dem mantel der wissenschaftlichen neugierde verhüllen. die sprache, die sie dabei benutzen, ist nichts als präpotentes geschwätz, ausgeleiert wie ein alter turnschuh.

 

ich glaub ihnen aufs wort, dass unter ihren seminaristen auch die „Nachfahren von Widerstandskämpfern und KZ-Häftlingen“ sind. die sind heute überall, weil es im 3. reich nur widerstandskämpfer und kz-häftlinge gegeben hat. manche sind besoffen vom wachturm gefallen und dabei ums leben gekommen, weswegen deren nachfahren heute unbedingt den ort besuchen müssen, an dem das ereignis stattgefunden hat.

 

ich habe nichts dagegen, dass sich „Nachkommen von Täter/innen mit der NS-Geschichte beschäftigen“, sogar dann, wenn sie dabei das idiotische genderneutrale große I benutzen. dafür müssen sie freilich nicht nach auschwitz reisen, das können sie auch in ihren seminarräumen erledigen. der aufenthalt vor ort bringt keinen erkenntnisgewinn mit sich, er trägt nur zum horror loci bei, der seinerseits sado-masochistische phantasien produziert. die toten seelen der seminaristen füllen sich mit leben, wenn sie den geruch von zyklon b erschnüffeln.

 

schade, dass auschwitz von den alliierten nicht bombardiert wurde. noch bedauerlicher ist es, dass es nach dem krieg nicht dem erdboden gleichgemacht wurde, um zu verhindern, dass nekrophile vulgär-historiker wie sie und ihre seminaristen den ort durch ihre anwesenheit kontaminieren.

viel spass in birkenau


Nun ein Tagungsbericht von Cornelia Siebeck bei HSozKult:

Seit seiner Gründung 1994 bietet der ‚Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager’ ein selbst organisiertes interdisziplinäres Forum von und für Doktorand/-innen, die sich mit Geschichte und Nachgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager beschäftigen. Die jährlich stattfindenden Treffen werden von Teilnehmer/-innen des vergangenen Workshops geplant und realisiert. Bei wechselnden Themenstellungen wird so ermöglicht, aktuelle Forschungsarbeiten in hierarchiefreier Atmosphäre zu diskutieren. Traditionell ist der Workshop dabei an Gedenkstätten im In- oder Ausland angebunden, die gemeinsam besucht und anschließend mit Blick auf inhaltliche Konzeption sowie gedächtnispolitische Implikationen und Kontexte reflektiert werden. Gemäß der transnationalen Dimension nationalsozialistischer Repressions- und Vernichtungspolitik und einer international boomenden Holocaustforschung setzt sich der Workshop dabei zunehmend nicht mehr nur aus Deutschen und Österreicher/-innen zusammen, sondern wird auch von Promovierenden aus anderen europäischen Ländern und Israel als Austauschmöglichkeit genutzt.

 

Der ‚16. Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager’ fand im Mai 2010 unter dem Motto „Ort, Ereignis und Gedächtnis“ in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim und dem Staatlichen Museum Auschwitz-Birkenau statt. Mit Unterstützung der Fritz Thyssen Stiftung, der Gerda Henkel Stiftung, der Fondation pour la Mémoire de la Shoah und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit kamen an die 40 Teilnehmer/-innen – überwiegend aus Deutschland, Polen und Österreich, aber auch aus Russland, Belarus, Israel und der Schweiz – zusammen. Auf dem Programm standen insgesamt 15 Vorträge, außerdem Besichtigungen der Gedenkstätten Auschwitz/Auschwitz-Birkenau sowie ein Besuch des so genannten „Jüdischen Zentrums“ in Oświęcim, in dem seit 2000 das einstige jüdische Leben vor Ort museal aufbereitet ist.

 

Zum Workshopauftakt hatten die Organisator/-innen die Journalistin und Schriftstellerin KATARZYNA ZIMMERER (Kraków) eingeladen, die sich pointiert zu gedächtniskulturellen Fragen im Allgemeinen und zum polnischen Holocaustdiskurs im Besonderen äußerte. Zimmerer selbst kommt aus einer polnisch-jüdisch-deutschen Familie – eine Tatsache, die sie mit den Worten „Mein Volk ermordete mein Volk, während mein Volk zuschaute“ kommentierte. Zuletzt arbeitete Zimmerer an der Ausstellung „Krakau unter nationalsozialistischer Besatzung 1939-1945“ mit, die seit Juni 2010 in der ehemaligen Krakauer Emaillefabrik des deutschen Unternehmers Oskar Schindler („Schindlers Liste“) gezeigt wird. Eindrücklich beschrieb sie die Neigung der Besucher/-innen, in Schindlers Fabrik jeden Stein als vermeintlich ‚authentisch’ zu sakralisieren. Die Ausstellungsmacher/-innen hätten es vor diesem Hintergrund nicht leicht gehabt: Dem verbreiteten Bedürfnis nach einer ebenso eindeutigen wie emotionalisierenden, medial geprägte Vorstellungen affirmierenden Vergangenheitsrepräsentation stand der Anspruch der Historiker/-innen gegenüber, historisch zu kontextualisieren sowie differenziert und faktenorientiert zu informieren.

 

Diese Problematik kam auch im weiteren Verlauf des Workshops auf die eine oder andere Weise immer wieder zur Sprache. Während in den historiographisch orientierten Vorträgen ‚vergessene Orte’, Faktenreichtum, Komplexität und moralische Ambivalenzen im Vordergrund standen, verwiesen Referate zu Gedächtnis und Repräsentation konsequent auf die Selektivität und Funktionalität der öffentlichen Aneignung (oder Nichtaneignung) von Vergangenheit in einer jeweiligen Gegenwart, die bekanntlich mit vielfältigen Formen der Komplexitätsreduktion und Mystifizierung einhergehen kann.

 

In einem ersten und eher historiographisch orientierten Panel mit dem Titel „Das Lager: Ort des Terrors“ widmeten sich SWETLANA BURMISTR (Berlin), ANGELIKA BENZ (Berlin) und MIRA JOVANOVIĆ-RADKOVIĆ (Zürich) bisher wenig erforschten Themen. Burmistr sprach über den Prozess der Versklavung und Ermordung von Juden und Roma in der Region Transnistrien unter deutsch-rumänischer Besatzung (1941-1944), an der rumänische Akteure maßgeblich beteiligt waren. Benz erläuterte Struktur und Funktion des SS-Ausbildungslagers Trawniki bei Lublin (Generalgouvernement). Dort wurden seit 1941 bis zu 5000 Kriegsgefangene zu Handlangern der SS ausgebildet, um dann unter anderem als Wachmannschaften für die Vernichtungslager der ‚Aktion Reinhardt’ (1942/43) zum Einsatz zu kommen. An beide Vorträge schlossen sich kontroverse Diskussionen über Formen der Kollaboration mit den deutschen Tätern sowie sich daraus ergebende Fragen nach Handlungsspielräumen, ‚Schuld’ und ‚Verantwortung’ an. Von besonderem Interesse waren dabei Benz’ anschauliche Schilderungen des derzeit laufenden Prozesses gegen den ehemaligen Trawniki-Mann John Demjanjuk, den sie in München beobachtet.

 

Wenig bekannt ist auch über die Konzentrationslager auf der kroatischen Insel Pag, die Mira Jovanović-Radković erforscht. Unter dem Schutz der Achsenmächte ermordete das faschistische Ustascharegime 1941 im eigens zu diesem Zweck geschaffenen Lagerkomplex Jadovno innerhalb von vier Monaten etwa 40.000 Menschen, allein in den Lagern auf Pag kamen dabei 8000 Serben/-innen, Juden und Jüdinnen ums Leben. Anfang der 1950er-Jahre wurde einigen Tätern der Prozess gemacht, seitdem gerieten die Lager weitgehend in Vergessenheit. Eine angemessene Dokumentation und Kennzeichnung der Orte blieb aus, die 1975 auf Initiative eines engagierten Amateurhistorikers und Inselbewohners aufgestellte Gedenktafel wurde in den 1990er-Jahren zerstört und seither nicht wieder erneuert. Erst jüngst seien bezüglich der kroatischen Lagervergangenheit neue Gedächtnisinitiativen zu beobachten.

 

KONRAD MANSEER (Wien) sprach in seinem detailreichen Vortrag über die Aufarbeitung der NS-Verbrechen im Konzentrationslager Gusen bei Linz durch die österreichische Nachkriegsjustiz. An Fallbeispielen erläuterte Manseer die dabei herrschende Willkür: So wurde 1947 in Linz ein ehemaliger Funktionshäftling zum Tode verurteilt, während ein besonders brutaler SS-Mann („der einarmige Satan von Gusen“) ein Jahr später mit einer zwanzigjährigen Freiheitsstrafe davonkam.

 

Basierend auf autobiographischen Texten polnischer Frauen, die Auschwitz-Birkenau überlebt haben, arbeitete AGNIESZKA NIKLIBORC (Kraków) die äußerst unterschiedlichen Erfahrungs- und Deutungshorizonte jüdischer und nicht-jüdischer Frauen heraus. In ihrem Vortrag konstatierte sie, dass ‚race’ im Sinne einer fundamental trennenden Kategorie innerhalb der „totalen Institution“ (E. Goffman) Auschwitz-Birkenau zweifellos mehr Gewicht hatte als die gemeinsame Kategorie ‚gender’. Zudem wies sie einmal mehr auf die unterschiedlichen Selbstverständnisse und Erfahrungen ‚rassisch’ und ‚politisch’ verfolgter Menschen hin, die es gerade im polnischen Gedächtnisdiskurs zu betonen gelte.

 

Auch im zweiten Panel, das unter der Überschrift „Ereignis und Erinnerung“ stand, beschäftigte sich die Mehrzahl der Referent/-innen mit Zeugnissen Überlebender. FRANK WIEDEMANN (Hamburg) fragt in seiner Doktorarbeit, ob Psychotherapeuten, Psychiater, Psychologen oder Psychoanalytiker aufgrund ihrer Profession spezielle Strategien entwickeln konnten, die Erfahrung des Lagers zu bewältigen und analysiert deren reflexive Schreibprozesse. MELANIE DEJNEGA (Wien) hat in ihrer Diplomarbeit anhand von Fallstudien untersucht, inwiefern sich eine in der österreichischen Anerkennungs- und Entschädigungspraxis gegenüber Opfern des Nationalsozialismus implizierte „moralische Ökonomie“ auch in autobiographischen Erzählungen Überlebender widerspiegelt. Während ein österreichischer Kommunist und ein in Österreich lebender polnischer Jude die vergleichsweise früh erfolgte Anerkennung als ‚Zeitzeugen’ zum zentralen Thema einer ‚erfolgreichen’ Lebenserzählung machen konnten, blieb einem überlebenden Roma eine solche Anerkennung nicht nur weitgehend verwehrt, sondern er erzählte seine Geschichte auch als die einer fortgesetzten Bedrohung und Diskriminierung.

 

NOAH BENNINGA (Jerusalem) schließlich plädierte in seinem theoretisch bemerkenswert anspruchsvollen Vortrag dafür, die Geschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager radikal anders zu schreiben als bisher. Zentrale Quelle für die Historiographie der Lager müssten die Berichte der Überlebenden mit all ihren signifikanten Stilisierungen, Schwächen und Auslassungen sein. Denn die Realität in den Lagern und ihre vielgestaltigen Alltagspraktiken und Interpretationen seien nur ‚von unten’ rekonstruierbar, die ebenso anekdotischen wie häufig widersprüchlichen Details ein Mittel gegen die strukturelle Logik der Täter, die aus NS-Quellen zu gewinnen sei. Ziel sei dabei nicht die ‚große Erzählung’ der Lager, in die Zeitzeugenberichte bei Gelegenheit eingebaut würden, sondern die Rekonstruktion der Vergangenheit aus Sicht der Betroffenen.

 

Mit medialen Repräsentationen nationalsozialistischer Konzentrationslager beschäftigten sich die Vorträge von KATJA BAUMGÄRTNER (Berlin) und MATHIAS RENZ/SEBASTIAN BODE (Gießen). Baumgärtner wird in ihrer Dissertation die filmische Darstellung des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück seit 1945 mit Blick auf geschlechtsspezifische Erinnerungsnarrative analysieren – ein Projekt, auf dessen Ergebnisse man nicht zuletzt deswegen gespannt sein darf, als dass die zu untersuchenden Filme zu unterschiedlichsten Zeiten und innerhalb verschiedenster politisch-ideologischer Rahmenbedingungen entstanden sind. Renz und Bode erforschen im Rahmen eines DFG-Projekts unter anderem die Visualisierung des Holocaust in europäischen Geschichtsatlanten. Zahlreiche Kartenbeispiele gaben zur angeregten Diskussion über ‚Angemessenheit’ und ‚Unangemessenheit’ jeweiliger Darstellungen Anlass. Dabei wurde einmal mehr deutlich, dass es hierfür kaum ‚objektive’ Kriterien gibt.

 

Das dritte und letzte Panel stand unter dem Motto „Gedächtnis – Europäisierung, Internationalisierung, Universalisierung“ und reflektierte vorwiegend politisch-ideologische Dimensionen von Gedächtniskultur. ANNA SOMMER (Kraków) beschrieb die Gedenkstätte Auschwitz zu Zeiten der Volksrepublik Polen als ideologisches Instrument der polnischen Regierung, die den antifaschistischen Widerstand und das ‚Märtyrertum’ der polnischen Bevölkerung betonte und dabei den Völkermord an den europäischen Juden weitgehend marginalisierte. PETER HALLAMA (München) analysierte „Metamorphosen der tschechoslowakischen Erinnerungskultur“ am Beispiel des Gedenkens an das ‚Theresienstädter Familienlager’ in Auschwitz-Birkenau als Ort des Massenmordes an tschechoslowakischen Juden. Sehr differenziert ging er dabei auf wechselnde Konjunkturen und deren Zusammenhang mit politischen Großereignissen wie etwa dem ‚Prager Frühling’ ein. PETER LARNDORFER (Wien) wiederum reflektierte die Externalisierung des Nationalsozialismus im Allgemeinen und des Judenmordes im Besonderen in der österreichischen Gedächtniskultur. Als Fallbeispiel diente ihm die Länderausstellung in der Gedenkstätte Auschwitz, mit der sich Österreich seit 1978 als „Erstes Opfer des Nationalsozialismus“ präsentiert (die Ausstellung wird derzeit überarbeitet). Larndorfer beschrieb in seinem Vortrag, unter welchen politisch-ideologischen Bedingungen das österreichische Opfernarrativ entstehen und überdauern konnte, bis es mit der ‚Waldheim-Affäre’ 1986 endgültig ad absurdum geführt wurde.

 

An diese Fallbeispiele schloss CORNELIA SIEBECK (Berlin) mit einer theoretischen Reflexion des gedächtnispolitischen Feldes an. Sie plädierte dafür, den verbreiteten Begriff eines vermeintlich repräsentativen ‚kulturellen Gedächtnisses’ ganzer Nationen oder ‚Ethnien’ durch eine hegemonietheoretische Perspektive in Anlehnung an Gramsci und Laclau zu ersetzen. Das öffentliche Gedächtnis erscheine dann nicht mehr als Repräsentation eines konsensualen Kollektivsubjekts, sondern realistischerweise als Ausdruck gesellschaftlicher Machtverhältnisse und Kämpfe um ‚kulturelle Hegemonie’. Siebeck wies darauf hin, dass gerade Gedenkstätten dazu tendierten, die eigene historisch-soziale Bedingtheit durch ihre physisch erfahrbare ‚Qualität der Tatsächlichkeit’ (J. Rüsen) zu verschleiern.

 

Der letzte Vortrag würdigte mit Ruth Klüger eine Überlebende und Zeitgenossin, die sich wiederholt kritisch über die herrschende Gedächtniskultur an die nationalsozialistischen Massenverbrechen geäußert hat. DENNIS BOCK (Hamburg) fragte in seinem Referat aus literaturwissenschaftlicher Perspektive nach der rhetorischen Funktion der von Klüger oft polemisch vorgetragenen Kritik an Gedenkstätten, Museen und „KZ-Kitsch“. Er deutete Klügers Interventionen als bewusst eingesetzte Strategie, zu polarisieren und provozieren, um die Diskussion über das warum, was und wie der öffentlichen Erinnerung an die NS-Verbrechen lebendig zu halten, anstatt sie in vermeintlichen Selbstverständlichkeiten erstarren zu lassen.

 

Man kann guten Gewissens behaupten, dass dieses Anliegen Klügers auch das der Workshopteilnehmer/-innen war. Noch jenseits der eigentlichen Tagungszeiten wurde der lebhafte und oft kontroverse Austausch fortgesetzt. Diskussionsstoff gab es genug: Man sprach über die Vorträge des Tages, informierte sich gegenseitig über gedächtnispolitische Trends in den jeweiligen Herkunftsländern und reflektierte die mehrstündigen Besuche in Auschwitz I und Auschwitz-Birkenau, die von Mitarbeitern der Gedenkstätte kompetent begleitet worden waren.

 

Im Zuge einer gemeinsamen Abschlussdiskussion wurde neben berechtigtem Lob für die Organisator/-innen Imke Hansen, Enrico Heitzer und Katarzyna Nowak auch so manche (Selbst-)Kritik laut: Wie schon auf früheren Workshops monierten einige Teilnehmer/-innen, dass sich die Inhalte der Vorträge zunehmend in Richtung Gedächtniskultur/Repräsentation verlagerten, während historische Forschung zu den Lagern selbst in den Hintergrund trete. Nicht nur von nichtdeutschen Teilnehmer/-innen wurden außerdem Dominanz und normative ‚Selbstverständlichkeit’ eines deutschen Aufarbeitungs- und Gedenkstättendiskurses in den gemeinsamen Diskussionen hinterfragt. Die deutsche Diskurshegemonie wurde dabei nicht zuletzt darauf zurückgeführt, dass Deutsch vorherrschende Tagungssprache war (die nichtdeutschsprachigen Teilnehmer/-innen wurden von Imke Hansen mit einer viel gelobten Simultanübersetzung bedacht). Insgesamt überwog jedoch allgemeine Zufriedenheit vor allem mit der informellen, offenen und kontaktfreudigen Atmosphäre des Workshops.

 

Der ‚17. Workshop zu Geschichte und Gedächtnisgeschichte der nationalsozialistischen Konzentrationslager’ wird voraussichtlich im Oktober 2011 in der Gedenkstätte Mauthausen bei Linz stattfinden. Ein entsprechender Call for Paper wird voraussichtlich im Januar veröffentlicht.

 

Konferenzübersicht:

 

Panel I: Das Lager: Ort des Terrors

 

Swetlana Burmistr (Berlin): Transnistrien: Orte des Terrors und Erinnerungsräume

 

Mira Jowanović-Radković (Zürich): Konzentrationslager auf der kroatischen Insel Pag 1941

 

Agnieszka Nikliborc (Kraków): To be a woman in Auschwitz-Birkenau: Representations in the memoirs of female Polish political and Polish-Jewish prisoners

 

Angelika Benz (Berlin): Das SS-Ausbildungslager Trawniki

 

Konrad Manseer (Wien): Das KZ Gusen und die österreichische Nachkriegsjustiz

 

Panel II: Ereignis und Erinnerung

 

Frank Wiedemann (Hamburg): Erinnerung und traumatische Folgen nach Konzentrationslagererfahrung

 

Katja Baumgärtner (Berlin): Geschlechterspezifische Räume. Ravensbrück im Film

 

Melanie Dejnega (Wien): Von ‚Opfern’ und anderen Überlebenden. Nationale Erinnerung und ihre Bedeutung für Über-Lebensgeschichten

 

Noah Benninga (Jerusalem): Ethical imperatives and the problematic of reconstructionist historical work on KZ Auschwitz 1940-1945

 

Mathias Renz/Sebastian Bode (Gießen): Die Visualisierung des Holocaust in aktuellen europäischen analogen und digitalen Geschichtskarten

 

Panel III: Gedächtnis – Europäisierung, Internationalisierung, Universalisierung

 

Anna Sommer (Kraków): Political Influences on the Memory of Auschwitz in the PRL and the USA

 

Peter Hallama (München): Hatikvah, tschechische Nationalhymne oder sowjetische Partisanenlieder? Das ‚Theresienstädter Familienlager’ in Auschwitz-Birkenau und die Metamorphosen der tschechoslowakischen Erinnerungskultur

 

Peter Larndorfer (Wien): Auschwitz im ‚österreichischen Gedächtnis’

 

Cornelia Siebeck (Berlin): Gedächtnis, Macht, Repräsentation. Zur (Un-)Möglichkeit ‚demokratischer’ NS-Gedenkstätten

 

Dennis Bock (Hamburg): „Erinnerung ist keine gemütliche, badewasserlaue Annehmlichkeit“: Ruth Klügers Kritik an KZ-Gedenkstätten und Museen

 

Zitation

Tagungsbericht: Workshop zur Geschichte der Konzentrationslager, 21.05.2010 – 25.05.2010 Birkenau, in: H-Soz-Kult, 21.10.2010, <http://www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-3326>.


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